Die „indirekte“ Induktionsmethode nach Erickson, Teil 2 von 3

Was versteht man unter Beiläufigkeit?

Jeder kennt dieses Phänomen, wenn man sich an etwas Bestimmtes bewusst erinnern will, es einem solange man darüber nachdenkt, aber nicht einfällt – es liegt einem sozusagen auf der Zunge. Die bewusste Beschäftigung mit einem Inhalt scheint oft die gewünschte Reaktion zu erschweren. Augenscheinlich ist eine solche Behinderung auch bei verschiedenen autonomen Reaktionen, etwa dem Einschlafen, der Angstminderung oder der sexuellen Erregung. Ausserdem sind Probleme häufig in kognitiven und emotionalen Schemata derart eingebettet, dass die Lösung, die ein Verlassen des Schemas verlangt, durch die bewusste Aufmerksamkeit erschwert werden kann. Der Therapeut erhöht daher die Akzeptanz wenn er wichtige Inhalte beiläufig äussert. Beiläufigkeit kann durch indirekte Formulierungen, durch die Verwendung der Einstreutechnik und den Einsatz von Metaphern, Anekdoten und Geschichten erreicht werden.

Indirekte Suggestionen

Die Verbalisierungen zur Induktion und während der Therapie werden nicht direkt im Sinne einer Anweisung gegeben, sondern in einer speziellen Form der Kommunikation. Durch eine gewährende, erlaubende Art der Suggestionen vergrössert man die Wahlfreiheit des Klienten und verhindert, ihm ein bestimmtes Muster oder vorgegebene Vorstellung aufzudrängen. Hypnose ist ein äusserst individueller Prozess, der auf einer von Person zu Person unterschiedlichen Ebene realisiert wird. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, dem Patienten im Gespräch Alternativen („Sie können die Leichtigkeit in ihrem linken oder rechten Arm empfinden.“ „Früher oder später werden sie die Augen schliessen.“) anzubieten oder Formulierungen in der Modalform („Viele können die Annehmlichkeit geniessen, einfach nichts zu tun und zu entspannen.“ „Vielleicht wird sich ein Gefühl der Ruhe entwickeln.“) zu verwenden. Auch die Anwendung von Implikationen, also nichtkausale, aber dennoch suggestive Verknüpfungen von faktischen und erwünschten Verhaltensweisen („Sie hören den Klang meiner Stimme und Sie beginnen sich zu entspannen.“) ist wirkungsvoll.

Einstreuung

Bei der „Interspersal“-Technik wird eine wesentliche Mitteilung in den Satz eingebunden, um eine positive Assoziation zu erzeugen, wie z.B.: „Sie können diese Gefühle so frei erleben…“. Das eingestreute Wort „frei“ ruft angenehme Emotionen hervor, was Ängste und Vorbehalte gegenüber der Gefühlsmitteilung abbaut.

Mit der Einstreutechnik verwandt ist die des Spurenlegens („seeding“). Hier wird die Suggestion mehrfach beiläufig gegeben, um später abermals aufgegriffen zu werden und so kann eine Art kumulativer Effekt entstehen.

Metaphern

Metaphern weisen auch das Merkmal der Beiläufigkeit auf, da der Zuhörer sie nicht unbedingt auf sich beziehen muss. Üblicherweise beginnt man die Erzählungen mit: „Das erinnert mich ein wenig an…“ und nicht „Bei Ihnen ist das so wie…“. Ausserdem wirken sie oft mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung, da ihr Sinn nicht immer sofort klar wird.

Ein weiterer Vorteil ist die Übersetzung ins Nonverbale. Sie regen die Phantasie zu Bildern, Szenen, Erfahrungen und Wünschen an und ermöglichen dadurch eine effektivere Art der Speicherung vielschichtiger Inhalte. So wird das Bild einer gelben Rose besser behalten als die zwei zugehörigen Worte.

Es gibt verschiedene Typen von Metaphern, denen allen das Ansprechen des Unterbewusstseins gemein ist. Witze haben in einem besonderen Masse einen aufheiternden, aktivierenden Charakter und ermöglichen somit häufig einen Perspektivenwechsel und eine emotionale Distanzierung. Anekdoten und Geschichten sollen oft einen bestimmten Punkt exemplarisch verdeutlichen, jedoch ohne diesen logisch ableiten zu können, Parabeln scheinen immer eine gewisse Moral zu haben und Analogien (z.B.: „ein Brett vor dem Kopf haben“) karikieren das menschliche Verhalten häufig auf eine witzige Art und Weise, die wiederum die Distanzierung erleichtert.

Während Vorstellungsbilder sozusagen eine lexikalische Übersetzung von Worten in den nonverbalen Bereich darstellen, scheinen Metaphern darüber hinauszugehen, da sie einen kontextbezogenen Mehrwert haben und sie in ihrer Bedeutung nie ganz auszuschöpfen sind. Man kann sich beispielsweise vorstellen, wie sich Leukozyten vom Endothel loslösen und im Blutkreislauf aktiv werden. Hingegen kann man sie aber auch mit Raubfischen vergleichen, die auf der Jagd nach Nahrung sind. Hier schwingt dann zusätzlich die Konnotation von dem mit, was wir über das in diesem Fall angewandte Symbol „Raubfisch“ wissen.

All diese Formen der Unbestimmtheit, die vom Therapeuten gezielt eingesetzt werden, fördern Suchprozesse im Unbewussten des Klienten, welche zur Problembewältigung beitragen können. Sie stimulieren die autonome Aktivität des Unbewussten und Lösungen werden auf dieser Weise aus der „inneren Weisheit“ des Unbewussten heraus entwickelt. Durch die indirekte Kommunikation wird der Patient nicht direkt zu etwas aufgefordert, sondern ihm wird nur auf eine sehr dezente Art immanent etwas nahe gelegt. Die Suggestion ist implizit in der Formulierung enthalten, so dass sie kaum als solche bemerkt wird und keinen Widerstand im Patienten auslöst.

Entscheidend ist, die Aufmerksamkeit des Patienten zu gewinnen. Dies kann möglicherweise durch den Gedanken an Urlaub oder an eine schöne Situation verursacht werden. In dem nun erreichten Trancezustand ist es möglich, der Phantasie freien Lauf zu lassen, nichts wird als „falsch“ angesehen.

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