Klassische bzw. „direkte“ Induktionsmethoden, Teil 3 von 3

Visuelle Fixation/Blickfixation

Bei der Erwähnung des Begriffs Hypnose haben viele Menschen sofort ein gewisses Bild im Kopf. Durch die eindrucksvolle Stilisierung in Buch, Film und Fernsehen von Hypnose als Instrument zum Herbeiführen einer Willenlosigkeit mittels Augenkontakt, Finger oder Pendel, hat sich in unser aller Vorstellung eine Idee verfestigt, welche wir beim Gedanken an Hypnose reaktivieren. Am ehesten dieser Vorstellung – von Technik, nicht von Wirkung – entspricht die Visuelle Fixationsmethode. Durch derartige Vorstellungen geschaffene eventuelle Resistenzen – insbesondere in Bezug auf die befürchtete Willenlosigkeit – sollten vom Hypnotiseur im Vorfeld angesprochen und entkräftet werden.
Das Grundprinzip der visuellen Fixation/Blickfixation besteht darin, einen Punkt (Finger des Therapeuten, Fleck an der Wand, Pendel) bei ständig geöffneten Augen, also ohne Lidschluss und Blinzeln zu fixieren. Es erweist sich als günstig, ein Objekt zu verwenden, dessen Fixation für den Klienten mit einer gewissen Anstrengung verbunden ist – so z. B. ein besonders nah oder steil oben liegender Fixationspunkt. Die starke Konvergenz der Augen bzw. der Aufwärtsblick erfordern eine hohe Anstrengung des Hypnotisanden und beschleunigen die Ermüdung der inneren Augenmuskeln und somit das Schliessen der Lider. Durch das lange Fixieren und Offenhalten der Augen trocknen die Bindehäute aus, was an der Augenrötung zu erkennen ist und sich subjektiv als Verschwommen-Sehen, Augenbrennen und Tränen äussert. Hierbei ist darauf zu achten, diese Anstrengung nur so lange aufrechtzuerhalten wie es für den Klienten nicht unangenehm oder gar schmerzhaft wird. Diese Reaktionen werden vom Therapeuten beobachtet und dem Patienten rückgemeldet. Der Patient erfährt nun eine Bestätigung und führt die Ermüdungserscheinungen und Wahrnehmungsveränderungen auf die Wirkung der Suggestionen zurück. Auf diese Weise glaubt er an die Suggestionen, lässt weitere zu und arbeitet erfolgreich mit.

Nun kann der Hypnotiseur den Klienten einladen, seine erschöpften Augen ein wenig auszuruhen und beim erfolgenden Lidschluss trancevertiefende Suggestionen geben. Sehr hilfreich kann der Einsatz einer mobilen Lichtquelle, etwa einer kleinen Taschenlampe, sein. Der Blick des Klienten wird auf die Lichtquelle fokussiert, was zu einer rascheren Ermüdung der Augen führt. Durch reflektorisches Schliessen der Augen bei Annäherung der Lichtquelle, kann der erwünschte Lidschluss besser gesteuert werden. Im weiteren Procedere lässt sich eine Vertiefung der Trance mittels wechselseitiger Beleuchtung der geschlossenen Augen (→ optischer Reiz, siehe Ablauf einer Induktion, Vertiefung) herbeiführen.

Augenrollmethode

Eine abgewandelte Form der Punktfixation stellt die Augenrollmethode dar. Bei dieser Technik wird ein Finger oder Gegenstand über dem Kopf des Hypnotisanden so lange nach vorne geführt, bis er gerade im Blickfeld dessen auftaucht. Nun wird der Klient dazu aufgefordert diesen Punkt zu fixieren und den Atem anzuhalten, während der Therapeut beginnt, seinen Finger langsam in Richtung Stirn des Klienten zu führen. Bei Berührung werden die Augen geschlossen und tief ausgeatmet, was zu einem plötzlichen Abfall der zuvor aufgebauten Spannung und daraus resultierender Entspannung führt. Nun werden trancevertiefende Suggestionen gegeben.

Faszinationsmethode

Ähnlich berühmt-berüchtigt wie das Pendel ist in der klischeehaften Darstellung von Hypnose der „magische“ Blick des Hypnotiseurs. Ein kurzer Moment der Achtlosigkeit und schon ist man seinem Gegenüber hilflos ausgeliefert wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Natürlich gilt es auch hier bestehende falsche Vorstellungen dieser Methode zuerst auszuräumen. Tatsächlich stellt die Faszination als Methode zur Tranceinduktion ein sehr urtümliches Verfahren dar, welches heutzutage eher selten zur Anwendung kommt. Bei entsprechender Prädisposition des Klienten kann sie allerdings hilfreich sein und soll deshalb an dieser Stelle Erwähnung finden. Sollten Sie sich dazu entschliessen die Faszinationsmethode in Ihr Repertoire aufnehmen zu wollen, so sollten Sie sich vor der ersten Anwendung ausreichend Zeit nehmen diese Technik zu üben. Jeder, der sich irgendwann im Laufe seines Lebens während eines Gesprächs einmal in den Augen einer Frau oder eines ansprechenden Mannes verloren hat („sich verlieben“), weiss, welche Kraft und Anziehung der Blick eines anderen Menschen auf uns haben kann. Diese Tatsache macht sich die Faszination zunutze. Durchgeführt wird diese Methode indem der Klient dazu aufgefordert wird, dem Hypnotiseur tief in die Augen zu sehen. Dieser Blick wird scheinbar erwidert, wobei der Therapeut in Wirklichkeit auf die Nasenwurzel seines Gegenübers blickt, um nicht selbst fasziniert zu werden. Auch hier handelt es sich im Grunde um eine Unterart der Blickfixation. Während der Rezipient nun bei ständig geöffneten Augen in die Augen des Therapeuten blickt, ist es essenziell, die eintretende Ermüdung mit entsprechenden physiologischen Phänomenen (siehe Blickfixation) verbal rück zu melden.

Da auch der Hypnotiseur während des gesamten Vorgangs seine Augen geöffnet halten muss, ist eine entsprechende Übung wichtig, um nicht in Wettstreit mit dem Klienten zu geraten. Die Gesichtszüge sollte man dabei so entspannt wie möglich lassen. Nach Eintreten der Ermüdungszeichen wird dem Klienten das Angebot zum Lidschluss gemacht und die entstehende Trance vertieft.

Kinästhetische Fokussierung

Einfache hypnotische Phänomene wie die Handlevitation oder Armkatalepsie werden auch gerne im Rahmen der Induktion verwendet, um dem Klienten das Eintreten in eine Trance zu erleichtern. Auch dieses Verfahren bedient sich zu einem Gutteil physiologischer Gegebenheiten, um die Suggestibilität des Rezipienten zu erhöhen. Ich darf Sie an dieser Stelle zu einem kleinen Selbstversuch einladen: Stellen Sie sich mit natürlich herunterhängenden Armen parallel zur nächstgelegenen Wand. Nun drücken Sie ihren Arm stetig mit dem Handrücken für eine Minute gegen diese Wand. Treten Sie nun wieder von der Wand weg und lassen sie den Arm locker hängen. Wenn Sie nun das Gefühl haben, Ihr Arm würde wie von unsichtbaren Luftballons nach oben gezogen, sind Sie noch nicht unbedingt in Trance. Einzig Ihr Körper hat sich an den anhaltenden Muskeltonus gewöhnt und möchte diesen nun, trotz des fehlenden Widerstandes durch die Wand, weiterhin aufrechterhalten. Viele hypnotische Vorgehensweisen beruhen auf der Erkenntnis, dass ein Problemverhalten resultiert, sobald eine Person in gewohnten Denkmustern verhaften bleibt (sog. „erlernte Begrenzungen“). Trance ist aber ein Zustand der andere Betrachtungsweisen als die alltäglichen zulässt bzw. fördert und stellt eine Unterbrechung gelernter Denkweisen oder Denkmuster dar. Diese Bewegungen (Levitation, Katalepsie), die selbständig ohne willkürliche Einflussnahme ablaufen, sind hervorragend geeignet, gewohntes Denken in Frage zu stellen und dazu anzuregen, selbst auferlegte Grenzen zu überschreiten. Das Bewusstsein scheint überfordert zu sein, diese von selbst geschehenden Bewegungen erklären zu können, gerät in Verwirrung und gleitet schliesslich in Trance.

Akustische Fokussierung

Eine akustische Fokussierung auf die begleitende Therapeutenstimme findet sowohl bei der visuellen als auch bei der kinästhetischen Fokussierung statt. Ausserdem bedienen sich die meisten Einleitungsmethoden verbaler Suggestionen – sind aber fast immer mit optischen oder haptischen Reizungen verbunden, da die Ansprache unterschiedlicher Sinneskanäle die Trance-Einleitung beschleunigt bzw. erleichtert. Des Weiteren kann aber etwa auch Musik zur akustischen Fokussierung äusserst wirkungsvoll eingesetzt werden. Jeder, der einmal erlebt hat, wie ein Musiker oder Musikbegeisterter während einer besonders einnehmenden Passage eines Musikstücks unansprechbar wird, hat ein Bild davon, wie stark Musik Aufmerksamkeit absorbieren kann. Die Induktionsformen von M. H. Erickson, die auch als indirekte Verfahren bekannt sind, zeichnen sich durch einen hauptsächlichen Gebrauch verbaler Einleitungen und Verwendung bestimmter Satz- und Sprachstrukturen aus. Während Verbalinstruktionen früher sehr befehlend und autoritär erteilt wurden wie „Schlafen Sie jetzt“ werden heute sozialintegrativere Formulierungen gewählt. Der Therapeut geht auf das Niveau des Patienten ein, passt sich den Denkgewohnheiten, der individuellen Begrifflichkeit und der Weltanschauung des Klienten an und nutzt dessen Eigenarten, Fähigkeiten und Erfahrungen für einen angemessenen bzw. „massgeschneiderten“ Trance-Prozess.

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